„Wir können die Klimakrise nur gemeinsam lösen, weil wir nur gemeinsam stark sind.“

Von

Anika Lison

January 10, 2023

Lesedauer:

10 Minuten

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„Wir können die Klimakrise nur gemeinsam lösen, weil wir nur gemeinsam stark sind.“

Egal wo man gerade ist – mit ein paar Schritten steht man schon in der Natur: Der Landkreis Calw befindet sich im nördlichen Teil des Schwarzwaldes und gehört damit zu einer beliebten deutschen Tourismusregion mitten in Baden-Württemberg. Doch die Gegend leidet bereits unter den Folgen des Klimawandels. Der Landkreis Calw möchte nun mit Hilfe eines ambitionierten Klimaneutralitätskonzepts entschlossen gegen die Klimakrise vorgehen.

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Der Film macht deutlich, wie sich die Menschen des Landkreises Calw hinter der Vision der Klimaneutralität vereint haben. Unser Team hat gemeinsam mit der Verwaltung einen Klimaneutralitätsplan 2030 entwickelt, der nun umgesetzt werden soll. Klimaschutzmanagerin Leonie Roth ist überzeugt von der Transformationsstrategie und spricht mit uns über die wichtigsten Maßnahmen, die größten Herausforderungen und darüber, woher sie ihre Zuversicht nimmt.

Frau Roth, was ist aktuell für Sie als Klimaschutzmanagerin die größte Sorge?

Leonie Roth: Das ist eindeutig die Energiekrise, die deutlich gemacht hat, wie abhängig wir sind. Es ist eine große Herausforderung, die erneuerbaren Energien jetzt schnell auszubauen. Aber gleichzeitig hat die Krise, die Bereitschaft zu handeln auf breiter Ebene enorm erhöht. Ich bin überzeugt, dass der Weg, den unser Landkreis jetzt beschreitet, nicht nur im Hinblick auf die Klimakrise, der Richtige ist. Denn wir müssen Planungs- und Versorgungssicherheit gewährleisten und noch mehr regionale Wertschöpfung schaffen.

Wenn eine Verwaltung vor der großen Aufgabe steht, den Weg der Klimaneutralität zu beschreiten, müssen zunächst Handlungsblockaden beseitigt werden. Welche Maßnahmen in dem Konzept sollen dazu beitragen, Hindernisse zu überwinden?

Leonie Roth: Eine Maßnahme ist, dass wir uns als Verwaltung wandeln werden. Wir müssen weniger bürokratisch und innovativer sein. Das ist nicht leicht - unsere Bürokratie und standardisierten Verfahren sind zugleich unsere Stärke und unser Hemmnis, einiges liegt auch nicht in unserer Hand, sondern sind Vorgaben auf Landes- und Bundesebene. Wichtig ist, dass wir gerade deshalb weiterhin unsere Anliegen konstruktiv an die Gesetzgeber herantragen, um Verfahren zu verschlanken und vor Ort unsere Entscheidungsspielräume nutzen. Dafür ist die Gründung einer Klimaleitstelle, die die Koordinierung der Projekte übernimmt, prädestiniert. Die Leitstelle unterstützt beim Finden von Lösungen und besonders dabei, diese dann auch effektiv umzusetzen.

Klimaschutzmanagerin Leonie Roth

Klimaschutzmanagerin Leonie Roth

Foto: tremoniamedia

Was ist das ambitionierteste Ziel in Ihrem Klimaschutzkonzept?

Leonie Roth: Ein übergeordnetes und sehr ehrgeiziges Ziel des Konzepts ist das „All-Electric-Szenario“, das wir bis 2035 erreichen möchten. Das heißt, dass wir bis 2035 unser gesamtes Energiesystem elektrifizieren wollen. Zwar steigt der Strombedarf insgesamt, wir können den Wandel aber dadurch schaffen, dass beispielsweise die elektrische Wärmeerzeugung mittels Wärmepumpen viel energieeffizienter ist als bei der Nutzung fossiler Brennstoffe.

Vor welchen besonders großen Herausforderungen steht der Landkreis Calw?

Leonie Roth: Beispielsweise ist die Transformation des Verkehrssektors sehr komplex. Unsere Fortbewegung muss komplett klimaneutral werden. Wir müssen Ladeinfrastruktur und Radwege ausbauen, den ÖPNV attraktiver gestalten… das zu schaffen ist gerade in unserer ländlichen Region eine große Aufgabe. Der Landkreis Calw ist zu etwa 62 Prozent bewaldet mit einer herausfordernden Topographie. Hier müssen wir individuelle Lösungen finden, die es vielleicht nicht immer als Best-Practice-Beispiele in der Schublade gibt. Aber wir sind fest entschlossen, diese anzugehen. Ein weiteres Thema wird der Personalmangel im Handwerk sein.

Welche Rolle spielt die Handwerksallianz in diesem Szenario?

Leonie Roth: Die Handwerksallianz soll uns helfen, Lieferengpässe und den Mangel an Fachkräften zu überwinden, denn nur, wenn wir die Kräfte bündeln, können wir die Transformation schaffen. Wir müssen darüber hinaus eine Ausbildungs- und Umschulungsinitiative starten, um besonders die jungen Menschen für das Handwerk, das eine unverzichtbare Säule unserer Gesellschaft ist, zu begeistern. Wer sich für eine Ausbildung entscheidet, um die Transformation mitzugestalten, verdient höchsten Respekt und Anerkennung, denn dieser Nachwuchs wird ein maßgeblicher Faktor dafür sein, wie schnell wir die Energiewende umsetzen können.

Foto: tremoniamedia

Bisher scheint es so, als würde die Transformation in vielen Städten und Landkreisen am politischen Willen und an einem Mangel an Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger scheitern. Wie kommt es, dass die Calwer Bevölkerung so ambitioniert voranschreitet?

Leonie Roth: Das liegt unter anderem daran, dass wir die Negativfolgen bereits deutlich spüren. Dank meiner Arbeit als Klimaschutzmanagerin begegne ich Menschen mit verschiedenen Hintergründen, die sehr unterschiedliche Motivationen haben, sich für den Klimaschutz zu engagieren. Einige Menschen kommen auch mit Sorgen auf uns zu, weil die Transformation viele Veränderungen mit sich bringt, die zunächst Ängste auslösen können. Trotzdem scheint es für die meisten Menschen außer Frage zu stehen, dass wir klimaneutral werden müssen, denn der Erhalt einer lebenswerten Umwelt ist essenziell. Der Schwarzwald schafft einen großen Teil unserer gemeinsamen Identität.

Eine Botschaft Ihres Films ist, dass ohne die Bevölkerung die Transformation nicht erfolgreich bewerkstelligt werden kann. Was tun Sie, um Bürgerinnen und Bürger aktiv einzubinden?

Leonie Roth: Dafür haben wir eine Kommunikationsstrategie in unser Konzept eingearbeitet, mit der wir Bürgerinnen und Bürger zielgruppengerecht ansprechen wollen. Damit sich Menschen beteiligen, ist es wichtig sie zunächst zu begeistern und dafür müssen Prozesse transparent gestaltet werden. Komplizierter ist die effektive Vernetzung der relevanten Akteurinnen und Akteure. Das stellt sich oft als komplexer heraus als vielleicht im Vorhinein gedacht. Lösungen müssen sektorenübergreifend gefunden werden und können auch nur dann wirklich wirksam sein, wenn sie in verschiedenen Bereichen gleichzeitig implementiert werden.

Klimaschutzmanagerin Leonie Roth

Foto: tremoniamedia

Besonders in Bezug auf Windkraftanlagen gibt es auch in Baden-Württemberg viele Menschen, die sich gegen einen Ausbau der Infrastruktur stellen. Wie gehen Sie damit um?

Leonie Roth: Natürlich gibt es Teile der Bevölkerung, die dem Wandel skeptisch gegenüberstehen. Auch diese Menschen gilt es zu erreichen und Kompromisse zu finden. Klar ist: Wir möchten unserer Wälder erhalten. Nicht nur sind unsere Wälder im Hinblick auf den Klimaschutz und als artenreiche Ökosysteme schützenswert, sie machen darüber hinaus einen großen Teil unserer Identität hier im Schwarzwald aus und sind auch für unseren Tourismus wichtig. Trotzdem müssen wir auch deutlich machen, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien notwendig ist, um einen weiteren Verlust unserer Wälder zu verhindern.

Damit die Transformation gelingen kann, wird Optimismus und Mut gefragt. Woher holen Sie diese Energie, mutig voranzuschreiten?

Leonie Roth: Wir können die Klimakrise nur gemeinsam lösen, weil wir nur gemeinsam stark sind. Und der Landkreis Calw ist eine unglaublich lebenswerte Region. Dass wir nicht nur die Natur, sondern auch unsere Lebensqualität hier unbedingt erhalten wollen, das vereint die Bürgerinnen und Bürger unseres Landkreises. Ich bin zuversichtlich, dass wir unser Potenzial mit Hilfe des Klimaneutralitätskonzepts entfalten werden, um den Weg der Transformation gemeinsam zu beschreiten.

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